Wie wir uns mit Sicherheit dem Terror entgegenstellen sollten [Weinreichs Gesundheitsbriefing #1]

Über 1.500 verletzte Tifosi auf dem Piazza San Carlo in Turin. Was war das für eine Nachricht! Nach dem Amri-Desaster, dem Terror in Manchester, der hypernervösen Unterbrechung beim „Rock am Ring“ jetzt also die Italiener. Dachte man. Doch beim zweiten Blick auf die Lage wird deutlich, dass Turin ein Beispiel für eine wahnsinnige Fluchtplanung bei Großveranstaltungen ist.

Die Piazza San Carlo ist eigentlich ein idyllischer Platz. Gelegen im Herzen Turins. Ein Anlaufpunkt für Touristen und Einheimische. Gerahmt von zahlreichen Barockgebäuden aus dem 19. Jahrhundert. In der Mitte des rechteckig angelegten Platzes befindet sich ein großes Reiterstandbild des Herzogs Emanuele Filiberto. Der Platz hat beachtliche Ausmaße: Er ist 168 Meter lang und 76 breit. Das sind 12.768 m². Etwas größer als ein Fußballfeld. Auf ihm haben sich am 03. Juni 2017 zum Champions-League Finale Juventus gegen Real Madrid ca. 35.000 Tifosi versammelt um dem „Public Viewing“ zu fröhnen und die eigene Mannschaft anzufeuern.

Dann urplötzlich Böllerschüsse. Niemand weiß genau, was passiert ist - aber alle fliehen in Panik. Menschen fallen zu Boden, werden überrannt, verletzen sich an umherliegenden Glasflaschen, obwohl es streng verboten war, diese mit sich zu führen. Wohin nur? In die Via Roma, die sich zu beiden Stirnseiten der Piazza erstreckt, aber nur 10m breit ist? In eines der Geschäfte oder Cafés an den Breitseiten, die zu diesem Zeitpunkt weitgehend geschlossen waren? Nach unten? Nach oben? Wohin nur? Ein Alptraumszenario für die Betroffenen. Man fühlte sich an das Desaster im Heysel-Stadion 1985 erinnert, bei dem im Endspiel des Europacups zwischen dem FC Liverpool und Juventus Turin in einer Massenpanik 39 Menschen ums Leben kamen.

Hätte das verhindert werden können? Die Antwort ist schlicht und ergreifend: Ja es hätte. Und zwar mit Sicherheit. Das Hessische Ministerium des Innern und für Sport hat bereits 2013 einen Leitfaden „Sicherheit bei Großveranstaltungen“ herausgebracht [siehe hier]. Der hätte hier Anwendung finden können - ja müssen! Wurde das Gefährdungspotential im Vorfeld ermittelt? [zu hohe Personendichte, Störungen in den Besucherströmen, Zutrittskontrollen, Blockierung wichtiger Flächen, Vandalismus …]. Wurden Unfälle, Anschlagsszenarien und Gefahrensituationen im Zusammenhang mit Straftaten durchgespielt? War die Anzahl der Besucher vorherzusehen? Wurden lokale Besonderheiten berücksichtigt? Wurden diese Gefahren hinsichtlich Schwere und Eintrittswahrscheinlichkeit beurteilt? Und Schutzmaßnahmen festgelegt [z.B. Sanitätsdienst, Brandsicherheitsdienst, Zugangskontrollen, Nutzungsverbot von Glas] bzw. konsequent durchgesetzt?

Der Leitfaden geht noch weiter. Er skizziert Planungsfehler, die zur Nichtgenehmigung oder Untersagung der Veranstaltung führen können: falsch eingeschätzte Besucherströme, fehlende Sammelplätze und Ausweichräume, fehlende Pufferzonen vor den Bühnen, schlecht sichtbare Fluchtwegkennzeichnung, fehlende Kommunikationsstruktur usw. Für „No-Ticket-Veranstaltungen“ geht der Leitfaden sogar noch weiter und fordert, Rückhalteräume für nicht mehr einzulassende Besucher einzurichten und die Schließung des umschlossenen Veranstaltungsortes unter Sicherstellung der Notausgänge zu gewährleisten.

Jetzt muss aufgearbeitet werden, was davon in Turin versäumt wurde. Turin ist leider die Fortsetzung der tragischen Ereignisse rund um die Loveparade 2010 in Duisburg. Der Nervosität unserer Zeit muss jetzt die Entschlossenheit in der Durchsetzung planbarer Sicherheitskonzepte entgegengesetzt werden. Nur so lassen sich solche Ereignisse in Zukunft vermeiden.

 

Bleiben Sie wachsam!

Herzlichst ihr Ingo Weinreich