Betriebsärztemangel

Gründe und Faktoren für fehlende arbeitsmedizinische Beratung

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Betriebsärztemangel in Deutschland

Für viele Unternehmen nimmt die Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit immer mehr an Bedeutung zu, um Beschäftigte lange gesund und leistungsfähig im Unternehmen zu halten. Dabei spielt die arbeitsmedizinische Beratung eine nicht unerhebliche Rolle. Während die Nachfrage, auch gesetzlich getrieben und gefordert, steigt, sinkt jedoch gleichzeitig das Angebot an Betriebsärzten. Laut einer Studie der Bundesärztekammer aus dem Jahr 2017 sind von ca. 12 000 Ärzten mit arbeitsmedizinischer Fachkunde über die Hälfte 65 Jahre und älter und die meisten werden dementsprechend in den Ruhestand gehen. Somit wächst die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage an Ärzten mit arbeitsmedizinischer Fachkunde und der arbeitsmedizinische Beratungsbedarf kann nicht ausreichend abgedeckt werden. Um diesen entgegenzuwirken bedarf es an angemessenen Handlungsmaßnahmen, die im folgenden Artikel erläutert werden.


Einflussfaktoren und Entwicklungen

Veränderungsprozesse sowohl im wirtschaftlichen, als auch im demographischen und gesellschaftlichen Bereich, aber auch Neuerungen im rechtlichen Bereich gehören mit zu den Einflussfaktoren und Entwicklungen, die den Betriebsärztemangel begünstigen, da sie zu einer Erweiterung der arbeitsmedizinischen Anforderungen und Aufgaben führen.
Die wichtigsten Einflussfaktoren und Entwicklungen werden im Folgenden dargestellt.
DGUV Vorschrift 2 „Betriebsärzte und Fachkräfte für Arbeitssicherheit“
Das Arbeitssicherheitsgesetz wurde am 1. Januar 2011 durch die DGUV Vorschrift 2 konkretisiert und beschreibt die erforderliche Fachkunde und die Aufgaben der betriebsärztlichen und sicherheitstechnischen Betreuung. Sie stellt zudem die verschiedenen Betreuungsmodelle dar und unterscheidet bei den größeren Organisationen in Grundbetreuung und betriebsspezifische Betreuung, die für Betriebsärzten und Fachkräften für Arbeitssicherheit gemeinsam durchgeführt wird. Durch die Aufgabenfelder in der Grundbetreuung und die Auslösekriterien in der betriebsspezifischen Betreuung, steigt der Betreuungsbedarf an Betriebsärzten in Unternehmen.
Demografischer Wandel
Durch die steigende Lebenserwartung und der gleichzeitigen Abnahme der Geburtenzahlen kommt es auch zu einer Überalterung der arbeitenden Gesellschaft. Chronische Erkrankungen nehmen bei den immer älter werdenden Beschäftigten zu und führen infolgedessen zu einem erhöhten Bedarf an gezielten individuell präventiven Maßnahmen.


Wirtschaftliche Veränderungsprozesse

Auch in der Arbeitswelt kommt es zu Veränderungen. Neue Arbeitsformen wie „Mobile Arbeitsplätze“, „Desksharing“ oder „Crowd working“ entstehen, welche neue Belastungsformen mit sich bringen. Diese können auch zu einer erhöhten psychischen Belastung für Beschäftigte führen.
Rechtliche Neuerungen
Durch rechtliche Neuerungen im Bereich der Arbeitsmedizin kommt es zu weiteren Verpflichtungen und Anforderungen, die der Arbeitgeber vollbringen muss und der Betriebsarzt auszuführen hat.
Dazu gehört das Betriebliche Eingliederungsmanagement [BEM], des Präventionsgesetzes [PrävG], sowie die Verordnung zur Arbeitsmedizinischen Vorsorge [ArbMedVV] und noch Weitere, die im Folgenden näher erläutert werden.

  • Seit der Konkretisierung des Arbeitsschutzgesetzes [ArbSchG] im Jahr 2013 muss nach § 5 ArbSchG die psychische Belastung in der Gefährdungsbeurteilung berücksichtigt werden.
  • Nach § 3, Absatz 1 der Betriebssicherheitsverordnung [BetrSichV] muss der Arbeitgeber Arbeitsmittel, die den Beschäftigten bereitgestellt werden anhand einer Gefährdungsbeurteilung beurteilen. Seit 2015 sollen nach §3, Absatz 2 BetrSichV neben den physischen Belastungen, auch die psychischen Belastungen der Beschäftigten in der Gefährdungsbeurteilung berücksichtigt werden, sowie die alters- und alternsgerechte Gestaltung der Arbeitsmittel.
  • Das Präventionsgesetz [PrävG], welches im Jahr 2015 in Kraft getreten ist, schreibt vor, dass die Krankenkassen nach § 20b, Absatz 1 SGB V die betriebliche Gesundheitsförderung durch ihre Leistungen zu fördern haben. Demnach sollen sie unter Beteiligung der Versicherten und der Verantwortlichen für den Betrieb, sowie der Betriebsärzte und der Fachkräfte für Arbeitssicherheit die gesundheitliche Situation einschließlich ihrer Risiken und Potenziale analysieren und Vorschläge zur Verbesserung der gesundheitlichen Situation sowie zur Stärkung der gesundheitlichen Ressourcen und Fähigkeiten entwickeln und ihre Umsetzung unterstützen.  
  • Arbeitgeber sind seit 2004 nach § 167, Absatz 2 SGB IX verpflichtet, alle Beschäftigten, die innerhalb eines Jahres länger als sechs Wochen ununterbrochen oder wiederholt arbeitsunfähig sind, ein Betriebliches Eingliederungsmanagement [BEM] anzubieten. Hierbei werden mit Zustimmung und Beteiligung der betroffenen Person nach individuellen Lösungen geschaut, wie die Arbeitsunfähigkeit der Beschäftigten überwunden bzw. erhalten oder vorgebeugt werden kann, für die man bei Erfordernis ein Werks- oder Betriebsarzt hinziehen kann.
  • Die Verordnung zur arbeitsmedizinischen Vorsorge [ArbMedVV] richtet sich an Arbeitgeber und Ärzte und zielt auf die frühzeitige Erkennung und Verhütung von arbeitsbedingten Erkrankungen und trägt zum Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit, sowie zur Fortentwicklung des betrieblichen Gesundheitsschutzes bei. In dieser Verordnung ist insbesondere die Versorgung geregelt.


Veränderungen in der medizinischen Fachbildung

Mit dem „Masterplan Medizinstudium 2020“ sollen Veränderungen in Bezug auf die Studienstruktur und die Ausbildungsinhalte der medizinischen Fachbildung vorgenommen werden, um die Attraktivität des Medizinerstudiums zu steigern und immer mehr Studieninteressierte für das Medizinstudium zu gewinnen.
Die Weiterbildung zum Betriebsarzt würde somit jedoch immer weiter in den Hintergrund rücken, da andere Fachrichtungen attraktiver gestaltet werden und viele sich für diese entscheiden würden.

 

Veränderte Altersstruktur

Da über die Hälfte der Ärzte mit arbeitsmedizinischer Fachkunde 65 Jahre und älter sind und vermutlich in den Ruhestand gehen werden, wird sich die Kluft zwischen Angebot und Nachfrage trotz dem moderaten Anstieg der Anzahl an Ärzten mit arbeitsmedizinischer Fachkunde weiterhin vergrößern. Vor allem der Bedarf an arbeitsmedizinischer Betreuung in ländlichen Bereichen kann nicht mehr gedeckt werden, weil junge Betriebsärzte immer mehr in Großstädten tätig sind.


Mögliche Lösungsansätze

Anzahl der Ärzte und Attraktivität des Arztberufes erhöhen

Eine grundsätzliche Erhöhung der Anzahl an Studienplätzen für das Medizinstudium in Deutschland und gleichzeitig eine Reformation des Auswahlverfahrens würden es ermöglichen neue Studieninteressierte für das Medizinstudium zu gewinnen.

Die Bildung von Kompetenzzentren für die allgemeinärztliche Weiterbildung und die Weiterbildungsordnung sind erste Ansätze, um die Attraktivität anhand von Weiterbildungsmöglichkeiten zu verstärken, insbesondere die Weiterbildung zum Betriebsarzt soll verstärkt und attraktiver gestaltet werden, um mehr Medizinstudenten für den Bereich „Arbeitsmedizin“ aufmerksam zu machen.


Interdisziplinäre Aufteilung der arbeitsmedizinischen Leistung

Zur Entlastung und Unterstützung der Betriebsärzte kann die arbeitsmedizinische Leistung interdisziplinär aufgeteilt werden. Während Aufgaben wie die ergonomische Gestaltung von Arbeitssystemen an Arbeitswissenschaftler abgegeben werden können, kann die Implementierung des betrieblichen Gesundheitsmanagements und betrieblichen Eingliederungsmanagements von Sozial- und Gesundheitswissenschaftlern übernommen werden. Ebenso können diese Fachkräfte zur Prävention psychischer Belastung und Beanspruchung beraten.
Ähnliche Ansätze werden bereits in anderen europäischen Ländern gesetzlich umgesetzt.

  • In den Niederlanden erfolgt die betriebsärztliche Betreuung seit 1991 nach dem Gesetz über Arbeitsbedingungen durch sogenannte „Arbodienste“, die mindestens vier verschiedene Aktionsfelder in den Bereichen Arbeitsmedizin, Arbeitshygiene, Arbeitssicherheit und Arbeits- und Organisationsentwicklung sowie Managementberatung abdecken müssen.
  • Seit 1979 wird in Finnland sogenannte „Occupational Health Units“ im Gesetz zur arbeitsmedizinischen Betreuung vorgeschrieben, die sich mindestens aus einem Arbeitsmedizinern, einem arbeitsmedizinischen Fachassistenten, sogenannt „Occupational Health Nurse“, einem Psychotherapeuten und einem Psychologen zusammensetzen.
  • In Frankreich ist seit 2011 ein interdisziplinäres Team namens „L'équipe pluridisciplinaire de santé au travail“ zur Prävention von arbeitsbedingten Risiken aktiv und wird im Arbeitsrecht geregelt. Das Team wird vom Arbeitsmedizinern geleitet und besteht unter anderem aus einem Krankenpfleger, einem Berater für die Prävention von arbeitsbedingten Risiken und einem Assistenten für Gesundheit und Sicherheit.


Anforderungsveränderungen

Demnach würden im Vordergrund der betriebsärztlichen Tätigkeit, die arbeitsmedizinische Vorsorge, die Durchführung von Impfungen und Impfberatung und die Gefährdungsbeurteilung stehen.

Einsatzzeiten in der DGUV V2 für Arbeitsmediziner minimieren

Grundsätzlich sollten die Einsatzzeiten der DGUV V2 für Betriebsärzte minimiert werden, um einer möglichen Überforderung durch die Regelung zur Grundbetreuung bzw. betriebsspezifischen Betreuung vorzubeugen. Die Einsatzzeiten können entweder an die Fachkräfte für Arbeitssicherheit zugeschrieben werden oder andere Professionen können miteinbezogen werden. Das heißt, nicht nur der Betriebsarzt und die Fachkraft für Arbeitssicherheit sollen zusammenarbeiten und die Einsatzzeiten vorgeschrieben bekommen, sondern auch Professionen, die mögliche Aufgaben des Betriebsarztes übernehmen können.


Vorsorgedurchführung durch niedergelassene Ärzte

Eine weitere Möglichkeit Betriebsärzte zu entlasten, ist die Durchführung der Vorsorgeuntersuchung durch niedergelassene Ärzte. Somit kann sich der Betriebsarzt auf andere wichtige Aufgaben konzentrieren.

Telemedizin in der Arbeitsmedizin

Durch die zunehmende Digitalisierung werden neue Arbeitsformen ermöglicht. So auch die Telemedizin. Demnach kann die betriebsärztliche Betreuung nicht nur ausschließlich vor Ort durchgeführt wird, sondern auch telemedizinisch. Jedoch muss darauf geachtet werden, dass der Betriebsarzt durch eine Begehung bereits schon Kenntnisse über den Arbeitsplatz erlangt hat. Außerdem sollte man auf geltende Rechtsvorschriften insbesondere auf den Datenschutz achten, sowie technische Voraussetzungen für die Telemedizin schaffen.


Arbeitsmedizin aus dem Präventionsgesetz streichen

Durch das Präventionsgesetz kann sich die Aufgabenverteilung des Betriebsarztes verschieben und die betriebsärztlichen Aufgaben mit den Leistungen nach dem Präventionsgesetz vermischen.

Daher sollten arbeitsmedizinische Aufgabenbereiche aus dem Präventionsgesetz gestrichen werden und diese an andere Professionen abgegeben werden, um einer Überforderung von Betriebsärzten entgegenzuwirken.

Durch das Übertragen von bestimmten Aufgaben an andere Professionen, würden sich die Anforderungen an den Betriebsarzt ändern und der Betriebsarzt könnte sich somit auf einzelne Aufgaben besser fokussieren.


Unterstützung durch Medizinische Fachangestellte

Ein Fortbildungscurriculum „Arbeitsmedizin/ Betriebsmedizin“ der Bundesärztekammer für Medizinische Fachangestellte soll die Kompetenzen der Medizinischen Fachangestellten erweitern und Betriebsärzte in verschiedenen Aufgaben unterstützen und entlasten. Untersuchungen, Beratungen, Entwicklungen, Koordination und teilweise Umsetzung des Arbeitsschutzmanagements, Gesundheits- und Eingliederungsmanagement sind Aufgabenbereiche, die an die Medizinischen Fachangestellten übergeben werden könnten.


Neue Berufsfelder

Zur Entlastung von Betriebsärzten werden neue Berufsfelder und Studiengänge entwickelt und eingeführt, die ebenfalls zum arbeitsmedizinischen Betreuungsbedarf beitragen sollen.

Occupational Health & Wellbeing Profession

Occupational Health & Wellbeing Profession beinhaltet die Arbeitsbereiche Arbeitsmedizin, Betriebliches Eingliederungsmanagement und Wellness- und Gesundheitsförderung. Die Prävention und Gesundheitsförderung der Mitarbeiter stehen im Fokus, sowie die Reduktion von Gefahren und Risiken bei der Arbeit, um Mitarbeitern vor Verletzungen und Erkrankungen zu schützen.

Durch die Unterstützung von Occupational Health & Wellbeing Professionals können Tätigkeiten der Betriebsärzte übernommen werden und zur weiteren Entlastung von Betriebsärzten dienen.


Physician Assistance

Der neue Studiengang „Physician Assistance“ an der Technischen Hochschule Amberg-Weiden soll währenddessen Arztassistenten ausbilden, die durch die Übernahme von delegierbaren Aufgaben Ärzte entlasten und unterstützen sollen.

Im Studium sind zurzeit nur im geringen Umfang arbeitsmedizinische Inhalt enthalten, die den Studenten einen Einblick in die Arbeitsmedizin geben soll und zeigen soll, dass eine mögliche zukünftige Berufstätigkeit in diesem Bereich möglich sei.

Das Modul „Epidemiologie und Arbeitsmedizin“ könnte jedoch erweitert werden.