DGUV positioniert sich zur Präventionsarbeit in der Arbeitswelt 4.0

Die Arbeitswelt verändert sich. Mittlerweile sind die Begriffe Globalisierung, Digitalisierung, demografischer Wandel und Flexibilisierung der Arbeitswelt in fast jedem Unternehmen bekannt bzw. auch spürbar. Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung hat dazu einen Bericht veröffentlicht, welcher den Rahmen für künftige Präventionskonzepte vorgibt.

Einfluss von Informations- und Kommunikationstechnologien in der neuen Arbeitswelt

Als Grundlage werden in diesem Bericht unterschiedliche Technologien insbesondere Informations- und Kommunikationstechnologien beschrieben, die die Arbeitswelt bereits jetzt beeinflussen und einen noch stärkeren Einfluss auf die Arbeitswelt der Zukunft haben werden. Hierunter fallen beispielsweise Ambiente Technologien, Virtualität, Augmented Reality, Selbstorganisierte Produktionssysteme oder räumliche und zeitliche Flexibilisierung.

Die Folgen des technologischen Wandels in der Arbeitswelt 4.0

Spannend ist, wie sich der technologische Wandel auf die Erwerbsbevölkerung auswirkt. Die DGUV beschreibt hier sowohl Vor- als auch Nachteile:

  1. Routinetätigkeiten können an technische Systeme abgegeben werden. Der Mensch greift nur bei Störungen oder Notfällen ein. Hier kann es zu Phasen der Monotonie als auch Phasen der höchsten Konzentration kommen.
  2. Hohe Anforderung an Planung, Organisation und Koordinierung technischer Systeme. Technische Systeme können nicht mehr einfach nur bedient, sondern müssen verstanden werden.
  3. Erleichterung der Inklusion von Erwerbstätigen mit Behinderung durch technische Lösungen.
  4. Zeitliche und räumliche Flexibilisierung, dadurch Erleichterung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Gleichzeitig besteht die Gefahr der Auflösung von Grenzen zwischen Arbeits- und Privatleben.
  5. Zusammenarbeit zwischen Menschen, die räumlich getrennt sind, wird leichter. Gleichzeitig gehen wichtige Merkmale der persönlichen Kommunikation verloren.
  6. Informationen sind zu jeder Zeit an jedem Ort verfügbar. Die Verarbeitungskapazität von Menschen ist begrenzt und kann zu Überforderung führen.
  7. Gestaltung sicherer und ergonomischer Arbeitsplätze.

Für die Prävention bedeutet der Wandel ebenso eine Veränderung. Besonders wichtig ist die Einbindung des Arbeitsschutzes und individueller Leistungsvoraussetzungen bereits bei der Planung der Arbeitssysteme.

Größere Spielräume für Mitarbeitende - Chance und Risiko

Der Bericht fokussiert sich in einem weiteren Abschnitt auf die Aspekte der räumlichen und zeitlichen Flexibilisierung. Diese eröffnet einen großen Entscheidungs- und Handlungsspielraum der Arbeitsweise mit der Chance Berufs- und Privatleben besser in Einklang zu bringen. Gleichzeitig steigt die Wahrscheinlichkeit der Selbstgefährdung durch Vernachlässigung von Erholungszeiten. Die Erreichbarkeit auch außerhalb der regulären Arbeitszeiten wird für soziale Kontakte und Verpflichtungen außerhalb der Arbeitswelt als kritisch angesehen.

Um die Freiheiten der räumlichen und zeitlichen Flexibilisierung richtig nutzen zu können, bedarf es einer guten Selbstorganisation, die als Kompetenz bei den Erwerbstätigen gezielt entwickelt werden muss. Mobiles Arbeiten, welches das Arbeiten an jedem Ort möglich macht, birgt die Gefahr der unergonomischen Arbeitsplätze sowie die fehlende Eingebundenheit in ein Team.

Auch für diese Aspekte formuliert die DGUV in ihrem Bericht wichtige Anhaltspunkte der Präventionsarbeit, wie z.B. gesundheitsgerechte Regelungen zur Nutzung mobiler Endgeräte, Planung von Erholungspausen oder individuelle Betrachtungsweise unterschiedlicher Arbeiten. 

Neue Anforderungen an die Führungskräfte

Zudem erfordert die Arbeitswelt 4.0 neue Anforderungen an die Führung sowie an die Beschäftigten. Führungskräfte müssen lernen mehr Entscheidungs- und Handlungsspielraum an ihre Beschäftigten abzugeben. Gleichzeitig erfordert dies auf Seite der Erwerbstätigen die Freiheiten erfolgreich umzusetzen.

Zielvorgaben mit den Beschäftigten werden langfristiger vereinbart, gleichzeitig unterliegen auch Ziele dem schnellen Wandel der Arbeitswelt. Dies kann zum dauerhaften Überschreiten der eigenen Leistungsgrenzen führen. Bei Führung auf Distanz sollte darauf geachtet werden, dass die notwendige Unterstützung weiterhin aufrechterhalten wird. Empfohlen wird Gesundheit neben der Leistungsfähigkeit als Ziel von Beschäftigten zu verankern.

Neue Beschäftigungsformen stellen neue Herausforderungen dar

Die Zunahme neuer Beschäftigungsformen, z.B. Gelegenheitsbeschäftigung, Mitarbeiter-Sharing oder Freelancer, die eine zeitliche und räumliche Flexibilität zur Leistungserbringung fordern, können zu einem dauerhaft erhöhten Stresserleben der Erwerbstätigen führen. Im Bericht werden Fragen aufgeworfen, die noch zu klären sind, wie z.B. „Wer übernimmt die Verantwortung für die Sicherheit und Gesundheit?“ oder „Wie können Erwerbstätige für Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung erreicht werden?“. Ein weiteres Ziel ist es Erwerbstätige bei der Planung ihrer eigenen Erwerbsbiografie zu unterstützen.

Arbeits- und Gesundheitsschutz in der Arbeitswelt 4.0

Die DGUV stellt in ihrem Bericht fest, dass eine Arbeitswelt 4.0 ebenso eine Veränderung im Arbeits- und Gesundheitsschutz bedarf. Auf einige Fragen müssen noch die passenden Antworten gefunden werden. Trotzdem werden bereits zukunftsweisende Prinzipien beschrieben:

  • Arbeitsschutz muss frühzeitig bereits bei der Planung der Arbeitsgestaltung berücksichtigt werden
  • ganzheitliche Gefährdungsbeurteilung mit allen Gefährdungsfaktoren inkl. ihrer Wechselwirkung
  • Schaffung von strukturellen Rahmenbedingungen, die Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit fördern und einer Selbstgefährdung durch die Erwerbstätigen entgegenwirken
  • Stärkung der Gesundheitskompetenz im Umgang mit Eigenverantwortung und Handlungsspielraum
  • Sicherheit und Gesundheit als eigenständiger Wert im Unternehmen
  • Angebote und Maßnahmen der Prävention müssen ebenso flexibel, vernetzt und mobil sein, wie die Arbeitswelt 4.0
  • Stärkung der Fähigkeit und dem Willen von Unternehmen zur Bildung einer Präventionskultur durch die Unfallversicherungsträger

Den Bericht der DGUV finden Sie hier.