Die Helden der Arbeit gehen aus – Warum wir uns in Zukunft in Geduld üben müssen

Fragt man sich mal durch deutsche Betriebe und öffentliche Einrichtungen, wie es denn gerade so läuft, dann hört man häufig zwei Begriffe in den zuweilen sehr ausführlichen Antworten: Der eine heißt ‚früher‘ und der andere lautet ‚mehr‘.

Ersterer deutet an, dass sich die Befragten im Modus der ‚retrospektiven Imagination‘ befinden. Sie denken an die und in der Vergangenheit. ‚Früher‘ war alles einfacher, klarer, leichter zu handeln – halt besser. Heute dagegen sei alles viel komplizierter, undurchsichtiger, umfangreicher und bürokratischer – einfach ‚mehr‘ geworden.

Ein Blick ins Krankenhaus ist hilfreich, um diese Logik zu verstehen. ‚Früher‘ gab es für das ärztliche Personal die klassische Stationsarbeit: Patientenaufnahme, Aufklärungsgespräche, Untersuchungen, Befundauswertungen, die Anordnung und Durchführung von Therapieprogrammen, Visiten, vielleicht auch mal ein Angehörigengespräch und dann die Patientenentlassung. Heute dagegen kommen auf die Ärzteschaft noch mal richtig Aufgaben dazu: Anträge, Aufklärungsbögen und der ganze Papierkrieg der Abrechnung, Kommunikationsarbeit, wie Dienstplanungsgespräche, OP-Planungsgespräche, Besprechungen auf Stations- und Klinikebene sowie Sprechstunden für Angehörige und … nicht zu vergessen, die kurzfristige und ungeplante Sonderarbeit, wie nicht vorhersehbare Vertretungsdienste, Notfallbehandlungen etc. Hinzu kamen noch die üblichen Problemverschärfer: Prioritätenverschiebungen, veränderte Maßstäbe zur Bewertung der Arbeitsergebnisse, wirtschaftliche Zielkonflikte. Kurzum: Das ‚Mehr‘ ist mehr als erheblich.  

Das wäre streng genommen auch kein Problem, wenn im gleichen Zuge die zur Verfügung stehenden Ressourcen gewachsen wären: mehr Zeit, mehr Support, mehr Ärzte/innen. Das ist aber nicht gleichermaßen passiert. Die SOLL-Werte der Anforderungen überstiegen langsam aber kontinuierlich die IST-Werte der Leistungsmöglichkeiten. Die Puffer sind aufgebraucht. Und dennoch funktioniert das Krankenhaus-Business noch. Wie kann das sein?

Der Grund sind die Helden! Helden der Heilung, Helden der Gerätemedizin, Helden der Nacht, Helden des wirtschaftlichen Erfolges. Helden sind Menschen, die besondere, außeralltägliche Leistungen vollbringen. Dabei bringen sie heroische Fähigkeiten ein. Diese können körperlicher oder auch geistiger Natur sein [z.B. Mut, Aufopferungsbereitschaft, Kampf für Ideale, Tugendhaftigkeit oder Einsatzbereitschaft für Mitmenschen]. Helden entstammen eigentlich den Kriegs- und Notzeiten. Die Propaganda heroisierte dann Soldaten und Gefallene, um die Kampfmoral und den Durchhaltewillen zu stärken. In produktiven Mangelgesellschaften [Stichwort DDR] konnte man auch schon mal zum ‚Helden der Arbeit‘ werden. Jedoch nur dann, wenn man die betrieblichen Soll-Produktionswerte deutlich übererfüllt hatte.

Wie wird man also zum Helden? Und: Wer sind die Helden des Klinikalltages?   

Die erste Frage lässt sich leicht beantworten. Die Formel für Heldentum [Heorismus] ist recht einfach: Heroismus = Kompetenzzuschreibung + Verantwortungsübernahme! Kompetenzzuschreibung mögen wir alle. Sie löst in uns viele suggestive und positive Erlebensmomente aus. Bei der Verantwortungsübernahme sieht es dagegen schon anders aus. Die spricht nicht mehr alle gleichermaßen an. Sie geht mit Verausgabungsbereitschaft und Fokussierung auf die anstehenden Aufgaben einher. Da hapert es zunehmend. Das wollen nur noch die Wenigsten. Verantwortungsübernehmende belasten sich nämlich selbst. Verantwortungsübergebende entlasten sich dagegen. Wer übernimmt also [noch] die Verantwortung im Klinikalltag?

Die Untersuchungen zeigen: Im heoristischen Modus sind vor allem Berufstätige, die bereits in den 80ern in die Erwerbswelt eingecheckt haben. Diese Menschen übernehmen sogar nicht selten Verantwortung, ohne dass ihnen die dafür notwendigen Ressourcen zur Erfüllung mitgeliefert werden! Keine Zeit, keine Leute die unterstützen, kein Geld, kein Feedback, kein Schutz bei Misserfolgen. Diese Menschen übernehmen also letztlich unangemessene Verantwortung! Mit allen gesundheitlichen Konsequenzen für sie selbst. Sie halten die Klinik aber am Laufen. Zum Glück für die Patienten.

Doch: Diese Heroen werden weniger. Auffällig weniger. Und jetzt komme ich noch mal zu uns – den Patienten. Wir werden in Zukunft unsere Anspruchshaltung überprüfen müssen. Für uns wird der 24/7-Zugang für all unsere Pläsierchen nicht mehr selbstverständlich sein. Wir werden eine neue Tugend entwickeln müssen. Vielleicht die Wichtigste für das kommende Jahrzehnt. Wir werden geduldiger werden müssen. Und dankbarer.

 

Herzlichst Ihr

Ingo Weinreich