Ist Arbeit heute schön?

Man hört heute viel über ‚New-Work‘. Arbeit im 21. Jahrhundert hätte etwas Sinnstiftendes, Belebendes - ja fast Anmutendes und Ästhetisches im Lebensvollzug. Arbeit muss einfach sein. Schaut man sich einmal an, woher der Wortstamm für den Begriff ‚Arbeit‘ im europäischen Sprachraum herkommt, dann fallen die Übersetzungen weniger schmeichelhaft aus.

Im Lateinischen ist ‚labora‘ [ARBEIT] nicht weit weg von ‚laborare‘ [LEIDEN]. Im Russischen ‚rabota‘ [ARBEIT] ganz nah dran an ‚rabynya‘ [SKLAVE] und auch im Deutschen leitet sich ARBEIT aus ‚arvum‘ [Ackerland] und ‚arapi‘ [PLAGE] ab. Das zeigt, mit welchen Begriffen Arbeit über viele Jahrhunderte assoziiert war. Die Menschen mussten auf den Feldern schuften, waren abhängig oder gar Leibeigene und sahen in Arbeit das notwendige Übel zum Überleben. Muße oder gar Freude? Fehlanzeige!

Heute hören wir in den Beiträgen und auf Konferenzen oft Begriffe, wie ‚Employer Branding‘, ‚Smart Workspace‘, ‚Talent Management‘, ‚Work Ability‘ oder ‚Flow‘. Das suggeriert, dass Arbeit heute eher etwas Leichtgängiges, Schönes - auf jeden Fall Erstrebenswertes ist. Oder zumindest zu dem gemacht werden kann. Alles ‚easy‘ also? Arbeit als nettes Arrangement für die Hipster unserer Zeit? Fragt man die Beschäftigten von heute, dann sieht es nicht mehr ganz so nett und durchgestylt aus. Die Mehrheit klagt über zunehmenden Stress, fehlende Perspektive, eingeschränkte Work-Life-Balance und mangelnde Orientierung. Da sind sich alle gleich: ob Dienstleistungsunternehmen [80%], Industrie [19%] oder Landwirtschaft [1%].

Offensichtlich gab es lediglich eine Verschiebung des Mühsals vom Acker hin zu den Kathedralen der ‚New Economy‘. Ich möchte soweit gehen, zu behaupten, dass Arbeit niemals zu dem werden kann, was wir da erhoffen. Zu schnelllebig sind die Anforderungen des Marktes [fehlende Kontrollerlebnisse], zu beliebig die Arbeitsbeziehungen [fehlende Bindung], zu gering die Aussichten auf langfristigen Erfolg [fehlender Selbstwert] und zu selten die Erlebnisse echter Hingabe und Arbeitsfreude [fehlende Lusterlebnisse]. Kurzum: Arbeit bietet häufig eben NICHT die Erfüllung der basalen menschlichen Grundbedürfnisse. Das läuft in anderen Schichten des Lebens.

Dass wir heute aber genau über diese Dinge sprechen zeigt den Entwicklungssprung an. Warum eigentlich nicht? Warum sollte Arbeit nicht besser und menschengerechter [in der Szene heißt es ‚gesundheitsgerechter‘] gestaltet werden können? Wohlgemerkt ARBEIT und nicht nur die MENSCHEN. In Zeiten der Umkehr von einem Angebotsmarkt [zu viele Arbeitskräfte] hin zu einem Nachfragemarkt [zu viele Arbeitsangebote] stehen die Zeichen günstig für so eine Diskussion. Diese seltene Chance sollte genutzt werden. Die Gewinner werden Unternehmen sein, die das begreifen und ernsthaft umsetzen. Gewinner werden auch jene Arbeitnehmer*innen sein, die ihre eigentlichen Bedürfnisse erkennen, angemessen verbalisieren und durchsetzen können. Vice versa steht das auch für die Verlierer dieser anspruchsvollen Zeit. Sorry und nicht mehr klagen!