Weinreichs Gesundheitsbriefing #4

Führt zu viel Work-Life-Life-Life-Balance bei Hipstern zu Übergewicht?

Neulich war Peter Thiel in Berlin und hat einen Vortrag auf Einladung der BILD in der Berliner Startup-Szene gehalten. Peter Thiel? Sagt Ihnen nichts? Libertärer PayPal-Gründer, ordentlich mit Facebook verdient, heute Venture-Capital-Geber und Präsident eines Hedgefonds. Geboren in Frankfurt/M. aber schon ewig in Amerika lebend. Also Peter Thiel – dieses Aushängeschild der digitalen Szene, wie ihn sich kein Politiker und auch keine IHK besser ausmalen kann, der haut also den Start-up-Hipstern im urbanen Schmelztiegel Brandenburgs einfach mal entgegen, sie seien zu wenig ambitioniert und arbeitsversessen und stattdessen zu freizeitorientiert und ohne echte Visionen. Und dann kann da auch nur maximal Durchschnitt rauskommen. Schuld daran sei deren Fixierung auf „Work-Life-Life-Life-Balance“. Das hat gesessen. Später legt er noch mal nach: „Es fehle nicht an Rechtstreue, Kapital oder Talent in diesem Land – es fehle schlicht an Ehrgeiz.“ Wumms – der finale Niederschlag!

Das hat mich zum Nachdenken und verstärkter Beobachtung angeregt.

Nachgedacht habe ich über ‚Ehrgeiz‘ – jenes im Charakter verankerte Streben eines Menschen nach Wissen, Fertigkeiten, persönlichen Erfolg, Anerkennung und sozialen Einfluss. Ist dieses Merkmal heute weniger ausgeprägt, als bei unseren Eltern und Großeltern? Mag sein. Vielleicht. Ist auch nicht leicht als Kind der heutigen Zeit an den Übervätern und -müttern vorbeizukommen. Wer will schon so schuften, wie seine Eltern, um dann abrupt in einem Burnout zu landen? Auflehnung wie die 68er es gemacht haben? Fehlanzeige. Bildung geht noch, könnte man meinen. Aber mit Bachelor oder Master im digitalen Prekariat landen? Dann doch lieber Bildungsurlaub in Khao Lak, elternfinanziert versteht sich. Oder irgendwas Reines bei den NGO’s oder den Veganern. Da entkommt man dem Erfolgsdruck und kann trotzdem ‚besser‘ sein als die Alten. Überhaupt ist Ehrgeiz heute wieder viel näher dran an der Kant’schen Trias allen Übels: Ehrsucht, Herrschsucht und Habsucht. Das will doch nicht wirklich jemand in der Trump-Ära.

Was mir noch so aufgefallen ist, in diesem heißen Sommer, in dem die Seidenblusen, Merinoschals und trendigen Polyestertrikots verschwitzt zur Seite gepackt werden: Zu viele [männliche] Hipster mit Übergewicht! Der Bart akkurat in Form, Designer-Brille auf der Nase und natürlich mit einem coolen Fixie-Bike unterwegs. Doch was sehe ich unten rum? Richtig dicke Bäuche! XXL. Mindestens! Und alle noch unter 30. Wie kann das sein? Zu viel ‚Work-Life-Life-Life-Balance‘? Hat uns Peter Thiel hier etwa indirekt auf ein weiteres Problem aufmerksam gemacht? Führt zu viel ‚Life‘ bei Hipstern auch zu Übergewicht? Mit allen damit verbundenen gesundheitlichen Risiken? Dazu müsste man zunächst einmal erkunden, was die Hipster mit ihren Life-Anteilen so anfangen. Da bin ich raus. Aber folgen wir Peter Thiels verschlüsselter Gesundheitsbotschaft, dann müsste im Umkehrschluss doch arbeitsbezogener Ehrgeiz wieder zu angemessenen Körperproportionen führen. Folglich müsste man die ‚Young Urban Creatives‘ mal zur ‚Enturlaubung’ in die [echte] Arbeit schicken. Das käme einer Entschlackung gleich. Heilfasten nach Thiel. Nicht nur faul in den Social-Media rumgeistern, sondern richtig ‚Hard-Work‘. Und überhaupt, sind Hipster eigentlich schon eine entdeckte Präventionszielgruppe? O.k., es gibt schon was zu den Themen Single, Cannabiskonsum und Zahngesundheit. Aber sonst? Darüber sollten Sie mal nachdenken und bei nächster Gelegenheit genauer auf die Region knapp über dem Ledersattel schauen.   

Herzlichst Ihr
Ingo Weinreich