Weinreichs Gesundheitsbriefing #5

Ist Sprache gesund?

Über fast nichts wird derzeit so intensiv gestritten, wie über das Bindeglied zwischen Menschen nach dem Durchtrennen der Nabelschnur: Unsere Sprache! Dabei wird der Anlass zu vermeintlich notwendigen Korrekturen zumeist in etwas Schlechtem, Ausschließendem, Destruktivem, Unverständlichem, Gewalttätigem – schlicht Ungesundem in unserer Sprache gefunden. In Ableitung aus diesen Überlegungen werden uns dann wohlgemeinte Alternativkonzepte für eine ‚gute‘ also gesunde Sprache geliefert: 

  • ‚Gewaltfreie‘ Sprache [also Sprache, die weniger auf die Durchsetzung eigener Interessen, sondern vielmehr auf die empathische Erkennung und Verbalisierung von Bedürfnissen anderer in der Interkation setzt]
  • ‚Einfache‘ Sprache [zuweilen auch ‚leichte‘ Sprache, die darauf setzt, möglichst allen Menschen, also auch jenen, die aus unterschiedlichen Gründen über eine geringe Kompetenz in der deutschen Sprache verfügen, das Verstehen zu erleichtern]
  • ‚Gendergerechte‘ Sprache [also Sprache die alle Geschlechter inkludiert]
  • ‚Positive‘ Sprache [also Sprache, die bewusst auf die neurobiologische Resonanz ganz spezifischer Hirnareale bei der Nutzung bestimmter Begriffe setzt und uns folglich besser fühlen lässt] 

Da kann man erst mal nichts dagegen haben, wenn man sich nicht gleich in den Verdacht eines Sprachreaktionärs bringen möchte. Es ist aber schon erstaunlich, mit welcher Verve die Diskussion geführt wird. Das hat mich bewogen, mich in meinem heutigen Briefing mit der Dialektik von Sprache und Gesundheit auseinanderzusetzen.

Sprache ist mächtig – Wahrscheinlich!

Sprache erzeugt Denken – erzeugt Emotionen – erzeugt Handlungsabsichten – erzeugt Handlung. Kurzum: Mit Sprache bilden wir nicht nur die Welt begrifflich ab, wir treiben zugleich Aktivität voran. Das ist ein fulminanter Zusammenhang. Er funktioniert immer und überall. Komplimente führen zu Wohlwollen. Gute Witze führen zu innerer und äußerer Erheiterung. Aufklärung führt zu präventivem Verhalten. Intensives Sprechen über letale Krankheiten führt zum psychogenen Tod. Die Stochastiker unter Ihnen werden jetzt sicher einwenden: „Ja, aber nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit!“ Und da haben Sie vollkommen recht … und das ist auch der springende Punkt!
Das Leben ist nämlich nur ein Handling von Wahrscheinlichkeiten. Und Sprache eben auch. 
Sprache an sich ist bereits extrem komplex. Sprachwissenschaftler halten sich mit Angaben darüber zurück, wie viele Begriffe denn nun die deutsche Sprache so bereithält. Es gibt nur Vermutungen über die Größenordnung, die sich auf Zahlen weit oberhalb von 100.000 beziehen.
Die individuellen Reaktionen auf sprachliche Einflüsse sind ebenfalls komplex. Jeder Begriff [‚Mutter‘, ‚Syrien‘, ‚Schalke 04‘, ‚männlich‘] kann hypnotisch aufgeladen oder belanglos sein.
Der Kontext, in dem Sprache passiert, ist verschiedenartig. Arbeit, Familie, Öffentlichkeit. Über unsere Rollenwahrnehmung können gleiche Begriffe in unterschiedlichen Kontexten zu unterschiedlichen Reaktionen führen. 
Der nonverbale ‚Beipackzettel‘ in der Interaktion ist einzigartig:  Mimik, Gestik, Stimme, Körperhaltung. Da wären wir bei den berühmten ‚93 Prozent‘ – die es in Wirklichkeit natürlich nicht sind.
Jede ‚Sprachschule‘ negiert in der Regel diese Hyperkomplexität und damit die Wahrscheinlichkeit. Und zwar aus gutem Grund: Sie suggeriert, dass wir mit Sprache DEFINITIV ein Ziel erreichen können.  Es gibt aber nicht DIE Sprache. Sprache entwickelt sich ständig weiter. In allen vier Disziplinen. Das ist ernüchternd und entlastend zugleich.  
Stellen Sie sich vor, Sie würden nur die ‚richtige‘ Sprache benutzen. Dann wären Sie ein seelenloser Computer. Sie verstehen dann nur die ‚Programmiersprache‘. Gegeben sei eine Sprache ‚S‘. Die Syntax ist die Menge der zulässigen Aussagen in ‚S‘.  Die Semantik ist die Festlegung der den zulässigen Aussagen in ‚S‘ zugeordneten Bedeutungen.
Macht das Spaß? Ist das kreativ? Bringt uns das voran? Ist das gesund?

Sprache erfindet sich ständig neu

Täglich entstehen neue Wörter. Manche sind Eintagsfliegen [Okkasionalismen], andere finden Eingang in unseren kulturellen Sprachschatz, werden akzeptiert und weiterbenutzt [Neologsimen]. Ein paar Leckerbissen gefällig? Wie halten Sie es eigentlich mit dem ‚Self-Tracking‘? Neigen Sie auch dazu, Ihre Körperdaten der ständigen Überwachung zu unterwerfen? Um sich selbst zu optimieren? Um besser zu sein, als Sie es eigentlich sind? Und sind Sie schon dabei, traditionelle Fleischrezepte konsequent zu ‚veganisieren‘? Reagieren Sie nur noch auf ‚Ampelweibchen‘? Erziehen Sie Ihren Nachwuchs wenigstens ‚polysportiv‘ und ‚polylingual‘. Sind Sie für die Einrichtung von ‚Ankerzentren’ zur Aufnahme von ‚Nafri‘? Und ‚postfaktisch‘ für den ‚Brexit‘ aber gegen den ‚Dexit‘? Lehnen Sie die sächsischen ‚Hutbürger‘ ab, aber sympathisieren Sie mit den schwäbischen ‚Wutbürgern‘? Oder ist Ihnen ‚Dieselgate‘ egal?  Und mal ehrlich: Die echten Höhepunkte erlebt man doch nur am Herd!. Das ist kein Wahlslogan manischer Hobbyköche, sondern der semantische Background für das trendige  Eigenschaftswort ‚gastrosexuell‘.
Das finde ich persönlich grandios. Sprache bahnt sich ihren eigenen Weg, macht Platz und räumt mit alten Dogmen auf. Sie entscheiden selbst, ob in Ihrem Leben, das vielleicht auch durch etwas ‚Wohlstandsträgheit‘ und ‚relative Ereignislosigkeit‘ geprägt ist, bereits die allgemeine ‚Entfreudung‘ um sich greift oder ihm doch noch etwas Offenes, Prosaisches, Schönes, Ästhetisches oder sogar Erotisches anhaftet.

Sprachdiät als Gesundheitsmittel?

Sie können sich also gerne neben der der Genussdiät [kein Alkohol zwischen Aschermittwoch und Ostern], und der Bewegungsdiät [No Sports im August], auch noch der Nahrungsdiät [mindestens Intervallfasten] und zur Krönung auch noch der Informationsdiät [‚Digital Detox‘] oder sogar Interaktionsdiät [‚Schweigeseminar‘] unterwerfen. Kein Problem. Da machen Sie auch garantiert nichts falsch. Viel Erfolg damit. Ich halte es dann aber doch lieber mit einem echten ‚Date‘ mit Menschen, die mir wirklich etwas bedeuten und denen ich schon lange nicht mehr mit Aufmerksamkeit begegnet bin. Ich habe auch keine Angst davor, etwas in meiner Sprache ‚falsch‘ zu machen. Da spreche ich lieber so, wie ich esse. Man ist, wie man spricht. Und ich beobachte in meiner Umgebung immer wieder eine Sache, die mir auch zu denken gibt: Menschen fühlen sich dann am schlechtesten, wenn man gar nicht mit ihnen spricht. Sprachlosigkeit ist offensichtlich schlimmer, als auch mal aggressiv, kompliziert, genderinkonform oder negativ zu sein.

Greifen Sie mal zum Äußersten. Sprechen Sie mal darüber!

Herzlichst Ihr
Ingo Weinreich