Als Fachkraft für Arbeitssicherheit ist es unser Ziel, Arbeitsschutzmaßnahmen nicht nur einzuführen, sondern auch im Arbeitsalltag wirksam zu verankern. Ein vielversprechender, ergänzender Ansatz dabei ist das sogenannte Nudging. Doch was genau verbirgt sich dahinter, und wie können wir Nudging im Arbeitsschutz nutzen, um sicheres Verhalten in Unternehmen zu fördern?
Was ist Nudging?
Nudging (englisch für „Anstupsen“) beschreibt in der Verhaltensökonomie das gezielte Gestalten von Rahmenbedingungen (Choice Architecture), bei der Menschen durch eine gezielte Gestaltung der Entscheidungsumgebung dabei unterstützt werden, sich häufiger für eine sichere Handlungsoption zu entscheiden, ohne sie dabei in ihrer Entscheidungsfreiheit einzuschränken. Ein „stupsen“ zur richtigen Entscheidung.
Kernidee:
- Verhalten wird nicht nur durch Wissen gesteuert, sondern stark durch Gewohnheiten, soziale Normen und situative Einflüsse
- Kleine Änderungen in der Umgebung können Entscheidungen vorhersehbar beeinflussen
- Die Entscheidungsfreiheit des Menschen bleibt grundsätzlich erhalten
Beispiel: Die PSA (Persönliche Schutzausrüstung) liegt direkt im Zugriffsbereich des Nutzers. Wenn die PSA direkt vor der Nase liegt wird sie eher genutzt.
Wichtig für die fachliche Einordnung: Nudging ersetzt keine bestehenden Pflichten im Arbeitsschutz. Es ist kein Ersatz für Vorschriften, Unterweisungen oder technische Schutzmaßnahmen. Wir setzen es nach dem bewährten TOP-Prinzip (Technisch – Organisatorisch – Personenbezogen) immer ergänzend ein. Also erst, wenn technische und organisatorische Maßnahmen bereits ausgeschöpft sind. Wo eine Maschine technisch sicher gestaltet werden kann, muss das auch geschehen. Nudging kommt dort ins Spiel, wo trotz aller Regeln das menschliche Verhalten der entscheidende Risikofaktor bleibt. Gesetzlich vorgeschriebene Schutzmaßnahmen bleiben unabhängig vom Einsatz von Nudging uneingeschränkt bestehen.
Wie kann ich Nudging einsetzen?
Starten Sie mit einem Rundgang:
Am Anfang steht die Beobachtung. Gehen Sie gemeinsam mit Führungskräften, Sicherheitsbeauftragten und gerne auch Beschäftigten durch die Arbeitsbereiche und identifizieren Sie Stellen, an denen riskantes Verhalten immer wieder auftritt.
- Wo entstehen „kleine unsichere Gewohnheiten“?
- Wo ist sicheres Verhalten aktuell „umständlich“?
- Wie ist aktuell die Tragequote der PSA (z. B. Schutzbrille, Gehörschutz)
Genau dort liegt Ihr größtes Nudging-Potenzial.
Verhalten vor Einführung messen oder bewerten:
Ob ein Nudging wirksam war, sollte anhand geeigneter Kennzahlen oder Beobachtungen überprüft werden.
- Beobachtete Sicherheitskultur
- Mitarbeiterbefragungen
- Checklisten verwenden
- Tragequote ermitteln
- systematische Verhaltensbeobachtung
In der Nudging-Werkstatt gute Ideen entwickeln:
Im dritten Schritt geht es darum, kreative Lösungen für die gefundenen Situationen zu entwickeln. Bewährte Nudging-Prinzipien helfen dabei:
- Sichtbarkeit erhöhen: Schutzausrüstung dort platzieren, wo sie im entscheidenden Moment ins Blickfeld gerät
- Soziale Normen nutzen: Kommunizieren, wenn die Mehrheit der Kolleginnen und Kollegen sich bereits sicher verhält
- Den Weg des geringsten Widerstands gestalten: Sicheres Verhalten einfacher machen als unsicheres
- Humor und positive Assoziationen einsetzen: Strikte Anweisungen wirken oft weniger als ein Augenzwinkern, aber Humor darf niemals sicherheitsrelevante Gefahren verharmlosen.
- Vorbild sein: Als Führungskraft stehen Sie oft zwischen den Stühlen: Die Arbeitssicherheit darf nicht auf der Strecke bleiben. Ständiges Ermahnen nervt Sie und Ihr Team. Menschen orientieren sich an dem, was die Mehrheit tut. Wenn Sie als Führungskraft die PSA (Persönliche Schutzausrüstung) wie selbstverständlich als Erster anziehen, setzen Sie einen mächtigen „Nudge“.
Hinweis: nützliches Material für einen Mitarbeiterworkshop hat die Berufsgenossenschaft Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse unter https://medien.bgetem.de/medienportal/artikel/TUIwMzc- bereitgestellt.
Fazit
Das Schöne daran: Viele wirksame Nudges kosten kaum etwas, aber eine andere Platzierung, eine sichtbare Markierung, ein cleveres Detail im Arbeitsablauf reichen oft schon aus. Arbeitsschutz wird so von einer lästigen Pflicht zu einem gemeinsamen, gelebten Standard.
Besonders wirksam ist Nudging dort, wo Beschäftigte die sichere Verhaltensweise grundsätzlich kennen, sie im Arbeitsalltag jedoch aufgrund von Gewohnheiten, Zeitdruck oder mangelnder Aufmerksamkeit nicht konsequent umsetzen.
Sichere Mitarbeiter sind motivierte Mitarbeiter. Positive Verstärkung und kleine Belohnungen für sicheres Verhalten können Wunder wirken.
Machen Sie Sicherheit zur Werkseinstellung!
Autor

Christina Meier
Fachkraft für Arbeitssicherheit
Beraterin Sicherheit
und Gesundheit
Quelle für Nudging:



